{"id":2154,"date":"2020-06-12T18:20:19","date_gmt":"2020-06-12T17:20:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oewg.org\/?p=2154"},"modified":"2020-06-12T18:20:19","modified_gmt":"2020-06-12T17:20:19","slug":"die-coronakrise-und-ihre-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oewg.org\/?p=2154","title":{"rendered":"Die Coronakrise und ihre Folgen"},"content":{"rendered":"\n<p>Diskussion der \u00d6WG am 3. Juni 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Post-Corona: Mit staatlich organisierter Kapitalherrschaft in ein neues, kybernetisches Zeitalter<\/p>\n\n\n\n<p>Die \u00d6WG hat am 3. Juni 2020 eine Diskussion \u00fcber die Coronakrise abgehalten, die allerdings in einem kleineren Kreis und nicht in einem \u00f6ffentlichen Lokal stattfand. Unter der Diskussionsleitung von \u00d6WG-Vizepr\u00e4sident <strong>David Stockinger<\/strong> hielt zun\u00e4chst der Historiker <strong>Hannes Hofbauer<\/strong>, Leiter des Promediaverlags, einen Vortrag \u00fcber \u201ePost-Corona: Mit staatlich organisierter Kapitalherrschaft in ein neues, kybernetisches Zeitalter\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einleitenden Worten, in denen er darauf hinwies, dass die Gef\u00e4hrlichkeit des Virus von den Ma\u00dfnahmen dagegen \u00fcbertroffen zu werden droht, sprach er \u00fcber die zu erwartenden Folgen des Lockdown, die in vieler Hinsicht gewaltig und zerst\u00f6rerisch sein werden. Die gesundheitlichen Folgen im Zuge des Aufschiebens von notwendigen medizinischen Eingriffen streifte Hofbauer ebenso wie soziale, psychische, bildungsm\u00e4\u00dfige und kulturelle Sch\u00e4den, um sich dann den wirtschaftlichen und politischen Aussichten zu widmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei zu erwartende Ph\u00e4nomene standen im Mittelpunkt der Ausf\u00fchrungen: Konzentrationsprozesse in vielen Branchen der Wirtschaft und die Festigung bzw. Herausbildung neuer Leitsektoren. Beides findet vor einer gest\u00e4rkten Rolle des Staates und einer geopolitischen Machtverschiebung statt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlie\u00dfung des gesellschaftlichen Lebens inklusive Ausgangssperren bewirkt in \u00f6konomischer Hinsicht, dass die Kapitalst\u00e4rkeren \u00fcberleben. Nach dem Muster des Lebensmittelhandels wird das in vielen anderen Branchen ein Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Eigent\u00fcmer-gef\u00fchrten Klein- und Mittelbetrieben und deren Ersetzung durch Ketten oder gar Monopolisten bewirken. Das krasse Beispiel des Handels zeigt die Richtung, in die es geht. W\u00e4hrend der station\u00e4re, oft \u00f6rtlich strukturierte Handel in vielen L\u00e4ndern der EU auf staatliche Anweisung hin zwei Monate geschlossen bleiben musste, \u00fcbernahm der weltgr\u00f6\u00dfte Onlineh\u00e4ndler das Terrain. Amazon stellte in den Lockdown-Monaten M\u00e4rz und April 2020 175.000 neue Besch\u00e4ftigte ein, das Verm\u00f6gen von Amazon-Boss Jeff Bezos nahm im selben Zeitraum um 10 Mrd. US-Dollar zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Gewichtiger als der Konzentrationsprozess k\u00f6nnte eine Wende vom industriellen zum kybernetischen Zeitalter sein. Diese zeichnet sich schon seit l\u00e4ngerem ab, erh\u00e4lt nun aber durch die staatlichen Interventionen eine v\u00f6llig neue Dimension. Neue Leitsektoren eines biotechnisch-pharmazeutisch-kognitiven Komplexes helfen der kapitalistischen Verwertungskrise, die sp\u00e4testens mit der Weltwirtschaftskrise 2007\/08 virulent wurde, aus der Patsche.<\/p>\n\n\n\n<p>Nanotechnik, Robotik und K\u00fcnstliche Intelligenz sind technische Zutaten einer kybernetischen Wende, deren Spezifikum eine Nachfrage nach Optimierung und Personalisierung von Produktionsprozessen ist. Diese wiederum stellen ein Einfallstor f\u00fcr Kontroll- und \u00dcberwachungstechniken dar. Die Ma\u00dfnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 &#8211; wie Testen, Tracken und Selbstoptimieren &#8211; sind ein gesundheitlich argumentierter Einstieg, der auf alle Lebensbereiche ausgedehnt werden kann. Damit droht auch der Mensch in seiner K\u00f6rperlichkeit zum Objekt von Kommodifizierung zu werden. Es hat sich &#8211; scheinbar &#8211; herausgestellt, dass der Mensch als Produzent einen Unsicherheitsfaktor darstellt, anf\u00e4llig f\u00fcr Viren und Krankheiten. Sein schlechtes Immunsystem (verst\u00e4rkt durch neue Kulturtechniken wie Maske-tragen, keine Hand geben, Abstand halten) kann, den Apologeten der biotechnisch-pharmazeutischen Wende zufolge, mit Medikamenten, Impfungen und dergleichen kompensiert werden. W\u00e4hrend der Mensch also im Produktionsprozess durch Roboter und k\u00fcnstliche Intelligenz ersetzt wird, kann an seiner K\u00f6rperlichkeit verdient werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Abschlie\u00dfend wurde noch besprochen, dass dies alles vor dem Hintergrund eines geopolitischen Hegemoniewechsels weg vom transatlantischen hin zum ostasiatischen Raum stattfindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Panik in Belarus<\/p>\n\n\n\n<p>Im Anschluss daran sprach der Osteuropahistoriker <strong>Peter Bachmaier<\/strong>, Pr\u00e4sident der \u00d6WG, \u00fcber \u201eKeine Panik in Belarus\u201c. Er hob den eigenst\u00e4ndigen Weg von Belarus in der Coronakrise hervor. Pr\u00e4sident Alexander Lukaschenko hat die Coronaepidemie als \u201ePsychose\u201c bezeichnet und sich geweigert, eine Quarant\u00e4ne \u00fcber das ganze Land zu verh\u00e4ngen. Belarus ist das einzige Land, das nicht stillgelegt wurde. Die Betriebe und Gesch\u00e4fte, die Gastwirtschaften, Schulen, Universit\u00e4ten und Kirchen sind nicht geschlossen, sondern ge\u00f6ffnet und arbeiten weiter. Eine Stillegung der ganzen Wirtschaft w\u00fcrde das Land nicht \u00fcberleben, sagte Lukaschenko.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft aber nicht, dass die Epidemie in Belarus nicht existiert, und dass nichts dagegen getan wird. Die Epidemie ist im M\u00e4rz auch nach Belarus gekommen, und das Land war auch darauf vorbereitet. Es gab einen umfassenden Plan zur Bek\u00e4mpfung der Epidemie.<\/p>\n\n\n\n<p>In Belarus wurde das sowjetische Gesundheitssystem nicht zerst\u00f6rt, wie in anderen ex-sowjetischen L\u00e4ndern. Es gab aus der sowjetischen Zeit noch Krankenh\u00e4user f\u00fcr Infektionskrankheiten, Vorsorgema\u00dfnahmen f\u00fcr eine Epidemie mit medizinischer Ausr\u00fcstung, Instituten f\u00fcr Virologie und Epidemiologie, und geschultes Personal. Das belarussische Gesundheitswesen war in der Lage, alles zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Angaben der UNO war Belarus f\u00fcr die Krise gut vorbereitet, weil es \u00fcber 41 \u00c4rzte, 114 Krankenschwestern und 110 Krankenhausbetten pro 10.000 Einwohner verf\u00fcgt. In den fortgeschrittenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ist der Durchschnitt dagegen: 30 \u00c4rzte, 81 Krankenschwestern und 55 Krankenhausbetten.<\/p>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4sident Lukaschenko hat die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem Besuch in Belarus eingeladen. Die Delegation kam im April und erkl\u00e4rte, dass alles in Ordnung ist und gab einige Empfehlungen, die weitgehend befolgt wurden. Jeder kann selbst entscheiden, wie er sich und seine Familie sch\u00fctzt, ob er die Kinder in die Schule schickt oder nicht. Es gibt keine Panik, die Epidemie ist unter Kontrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt in Belarus eine Freiwilligenbewegung unter den Menschen, die eine Tradition hat. Eine B\u00fcrgerinitiative sammelte 2 Mio. Euro f\u00fcr \u00c4rzte und Krankenschwestern. In den H\u00e4usern gibt es Kundmachungen mit Telefonnummern, an die man sich wenden kann, wenn man etwas aus der Apotheke braucht. Taxifahrer bef\u00f6rdern Patienten und \u00c4rzte gratis, Restaurants liefern Essen gratis an Patienten und Spit\u00e4ler. Die Stadt Minsk stellte den \u00c4rzten und dem medizinischen Personal zwei Hotels zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Grund des wirtschaftlichen Abschwungs in den wichtigen Partnerstaaten hat Belarus einen relativ sp\u00fcrbaren Konjunkturr\u00fcckgang erleben m\u00fcssen. Aber wenn sich die Staaten wieder \u00f6ffnen, wird Belarus in der Lage sein, seine Wirtschaft schnell wiederherzustellen, wie sich Pr\u00e4sident Lukaschenko am 25. Mai \u00e4u\u00dferte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Stand vom 1. Juni 2020 sind in Belarus 43.000 Menschen mit positivem Corona-Test registriert worden, was 8,7% der Anzahl der durchgef\u00fchrten Tests betr\u00e4gt. Nach den Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 18.000 mit Corona-Virus Infizierte geheilt und entlassen. Bisher sind nur 215 Menschen an Corona-Virus (Covid 19) gestorben.<a href=\"#_ftn1\">[1]<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Die Milit\u00e4rparade zum 9. Mai 2020<\/p>\n\n\n\n<p>Der Pr\u00e4sident hat dem internationalen Druck nicht nachgegeben und auch als einziger Staat in Europa am 9. Mai 2020 eine Milit\u00e4rparade aus Anla\u00df des Tages des Sieges im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg in Minsk abgehalten. Das war von gro\u00dfer Bedeutung, weil die Geschichte als Waffe benutzt wird, um Konflikte in der Gegenwart auszutragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der belarussische Pr\u00e4sident Alexander Lukaschenko erkl\u00e4rte dazu in seiner Rede auf der Milit\u00e4rparade: \u201eWir konnten einfach nicht anders, wir hatten keine andere Wahl\u2026Die Lehre der Geschichte ist einfach und gerecht \u2013 jedes Volk, das sein Heimatland, seinen Boden und die Zukunft seiner Kinder verteidigt, ist unbesiegbar.&#8221; Die Milit\u00e4rparade brachte eindrucksvoll die Unabh\u00e4ngigkeit des belarussischen Staates zum Ausdruck. Die \u00d6WG hielt am 9. Mai ebenfalls eine Gedenkveranstaltung in Wien beim Denkmal der Roten Armee ab.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"http:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/diskussion.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2155\" srcset=\"https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/diskussion.jpg 640w, https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/diskussion-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><em>Hannes Hofbauer und Peter Bachmaier bei der Diskussion der \u00d6WG \u00fcber \u201eDie Coronakrise und ihre Folgen\u201c, 3.6.2020<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"480\" src=\"http:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/diskussuion2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2156\" srcset=\"https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/diskussuion2.jpg 640w, https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/diskussuion2-300x225.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption><em>\u00d6WG-Diskussion \u00fcber die Coronakrise und ihre Folgen mit David Stockinger, Peter Bachmaier und Hannes Hofbauer in der Wohnung von Anna Krasnaya, 3.6.2020<\/em><\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskussion der \u00d6WG am 3. 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