{"id":2202,"date":"2021-04-19T08:36:52","date_gmt":"2021-04-19T07:36:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.oewg.org\/?p=2202"},"modified":"2021-04-19T08:36:52","modified_gmt":"2021-04-19T07:36:52","slug":"zweiter-weltkrieg-die-rote-armee-im-april-1945-in-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.oewg.org\/?p=2202","title":{"rendered":"ZWEITER WELTKRIEG: Die Rote Armee im April 1945 in Wien"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Vor kurzem erschien in der Wiener Zeitung ein sehr lesenswerter Artikel, zu dem auch die \u00d6sterreichisch-Wei\u00dfrussische Gesellschaft (\u00d6WG) einen Teil dazu beisteuern konnte. Die \u00d6WG traf bei ihrer Delegationsreise 2019 den belarussischen Veteranen Arseni Ljocko und f\u00fchrte mit ihm ein Interview, das wir der Wiener Zeitung zu Verf\u00fcgung stellten. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten noch lebenden Veteranen berichten von ihren Kontakten mit der \u00f6sterreichischen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n\n\n<p id=\"absatz1\"><strong>Es gibt nur noch eine Handvoll&nbsp;Veteranen<\/strong>, die Anfang April 1945 auf Seiten der Roten Armee an der Befreiung Wiens beteiligt waren, die sich an die dramatischen Ereignisse erinnern und davon berichten k\u00f6nnen. Die K\u00e4mpfe im Stadtgebiet waren kurz, sie dauerten vom 6. bis zum 13. April. Die Rote Armee war den deutschen Einheiten, die aus Wehrmacht, Volkssturm und einigen Verb\u00e4nden der SS bestanden, deutlich \u00fcberlegen &#8211; und trotzdem waren die sowjetischen Verluste hoch, gingen allein im Wiener Stadtgebiet in die Tausenden. \u00d6sterreichische Zeitzeugen berichten, dass die Wiener Spit\u00e4ler voll mit schwer verletzten, von Granatsplittern verwundeten Rotarmisten gewesen seien.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Erinnerungen<\/h2>\n\n\n\n<p>Wie aber haben die Rotarmisten, die am G\u00fcrtel, am Donaukanal, an der Reichsbr\u00fccke, am Simmeringer Zentralfriedhof oder im Westen der Stadt als einfache Soldaten k\u00e4mpften, diese so dramatischen Tage in Erinnerung? Wovon erz\u00e4hlen sie, wie haben sie sich selbst und ihre Gegner beurteilt? Wie realistisch oder verformt sind ihre Erinnerungen?<\/p>\n\n\n\n<p>Wladimir Raspolychin merkt man die fast 96 Jahre, die er mittlerweile alt ist, nicht an. Der 1925 geborene Russe spricht im Videotelefonat mit der &#8220;Wiener Zeitung&#8221; klar und verst\u00e4ndlich \u00fcber die dramatischen Kriegstage, die ihn aus seinem Jugendleben gerissen haben. Im J\u00e4nner 1943 ist er zur Armee gekommen. &#8220;Ich war 17 Jahre und vier Monate alt &#8211; das m\u00fcssen Sie sich einmal vorstellen&#8221;, beginnt der Fallschirmj\u00e4ger eindringlich. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde er an die Front geschickt &#8211; nach Ungarn, ins Gebiet um den Plattensee, mit dem Auftrag, Wien zu befreien.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Wir mussten in Wien um jedes Haus, um jede kleine Gasse k\u00e4mpfen&#8221;, berichtet der Veteran. Auch in dieser Endphase des Krieges waren die deutschen Truppen noch gef\u00fcrchtete Gegner.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Es gab gro\u00dfe Verluste auf unserer Seite. Es war nicht leicht. Aber wir haben es dennoch geschafft, auch mit eingeschr\u00e4nkten Kr\u00e4ften, die Deutschen aus Wien zu vertreiben&#8221;, sagt Raspolychin, der trotz seines hohen Alters keine Probleme hat, dem Gespr\u00e4ch zu folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt machte damals auf die Sowjetsoldaten einen verlassenen Eindruck, die Wiener hatten sich in den Kellern versteckt. &#8220;Man merkte, dass viele Menschen Hunger hatten. Ich selbst habe gesehen, wie auf einer Stra\u00dfe ein totes Pferd lag. Viele Einwohner dr\u00e4ngten sich um den Kadaver, um das Pferd auszuweiden und Fleisch f\u00fcr ihre Familien zu Hause mitzunehmen&#8221;, berichtet der ehemalige Rotarmist.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier leisteten die Sowjets laut Raspolychin rasche Hilfe: Die Bev\u00f6lkerung sei rasch mit Feldk\u00fcchen &#8220;von hoher Qualit\u00e4t&#8221; versorgt worden. Es gab gro\u00dfz\u00fcgige Essensspenden, etwa am 1. Mai. Dennoch war der Hunger in Wien gro\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt hat Raspolychin, der sp\u00e4ter von 2014 bis 2017 noch einmal in Wien gelebt hat, nur positiv in Erinnerung: &#8220;Die Wiener sind zu uns Sowjetsoldaten sehr freundlich gewesen. Sie sind auf die Stra\u00dfe gegangen und haben uns begr\u00fc\u00dft. Man merkte, dass sie sich freuten, dass die Sowjetarmee gekommen ist&#8221;, schildert er seine Eindr\u00fccke.<\/p>\n\n\n\n<p>Gut erinnert sich der Veteran an eine Auff\u00fchrung in der Staatsoper, die er am 5. Mai 1945 w\u00e4hrend eines kurzen Fronturlaubs erlebte: &#8220;Das legend\u00e4re Alexandrow-Ensemble der Roten Armee gastierte damals in Wien. Wir haben uns gefreut, dass wir nach so harten Schlachten diese Musik h\u00f6ren konnten.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Anders als Deutsche<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch Arseni Ljocko, ein ebenfalls 1925 geborener belarussischer Veteran der K\u00e4mpfe um Wien, singt das Hohelied auf die Stadt und ganz \u00d6sterreich: &#8220;So, wie man sich uns gegen\u00fcber in \u00d6sterreich verhalten hat &#8211; das habe ich sonst nirgendwo erlebt&#8221;, urteilt der Veteran, der als einziger von vier Br\u00fcdern den Krieg \u00fcberlebt hat, in einem Gespr\u00e4ch mit der \u00d6sterreichisch-Wei\u00dfrussischen Gesellschaft (\u00d6WG) vor zwei Jahren. Er zieht &#8211; f\u00fcr viele Veteranen nicht untypisch &#8211; eine dicke Linie zwischen \u00d6sterreichern und Deutschen: &#8220;Die \u00d6sterreicher haben sich hundertprozentig von der Deutschen Wehrmacht unterschieden&#8221;, sagte Ljocko, dessen 50 Orden auf seiner Uniform keinen Platz mehr finden. Der &#8220;Anschluss&#8221; 1938 sei erzwungen gewesen, das habe er auch damals gewusst. Und dass \u00d6sterreich wieder unabh\u00e4ngig werden wird, &#8220;habe ich nicht nur gewusst. Ich habe es gef\u00fchlt!&#8221; Auch Ljocko, der beim Entminungsdienst t\u00e4tig war, berichtet von den sowjetischen Milit\u00e4rk\u00fcchen und dem &#8220;ausgezeichneten, ja hervorragenden&#8221; Verh\u00e4ltnis der \u00d6sterreicher zu den sowjetischen Soldaten. Die \u00d6sterreicher h\u00e4tten auch bei der Entminung mitgeholfen. Auch er kam im Leben sp\u00e4ter noch einmal nach Wien: 1967 als Diplomat.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Zeit war der Wei\u00dfrusse auch bei Verhandlungen in Deutschland \u00fcber die Errichtung deutscher Soldatenfriedh\u00f6fe in der Sowjetunion beteiligt. Bei diesem Thema wird er emotional: &#8220;Ich bin dagegen, dass f\u00fcr diese Leute, die unsere Kinder zu den Hunden geschmissen haben, Friedh\u00f6fe errichtet werden. Die Verbrechen dieser Faschisten werden die Leute nie verzeihen&#8221;, urteilt Ljocko scharf \u00fcber die Deutschen. &#8220;Die \u00d6sterreicher gefallen mir sehr. Das sind ganz andere Leute&#8221;, sieht er die heimische Bev\u00f6lkerung in deutlich milderem Licht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"http:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/20190516_163949.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2203\" srcset=\"https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/20190516_163949.jpg 640w, https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/20190516_163949-300x169.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 640px) 100vw, 640px\" \/><figcaption>Veteran Ljocko berichtet \u00fcber die Zeit der Befreiung Wiens 1945<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/20190516_171738-1-rotated.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2205\" width=\"344\" height=\"612\" srcset=\"https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/20190516_171738-1-rotated.jpg 360w, https:\/\/www.oewg.org\/wp-content\/uploads\/20190516_171738-1-169x300.jpg 169w\" sizes=\"auto, (max-width: 344px) 100vw, 344px\" \/><figcaption>Arseni Ljocko ist ein hochdekorierter Veteran<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Raspolychin zieht diese Trennlinie nicht. &#8220;Ich kann nichts Schlechtes \u00fcber die Deutschen sagen&#8221;, betont der Veteran. Nach der Eroberung Wiens war der ebenfalls mit Orden Behangene noch in K\u00e4mpfe um St. P\u00f6lten verwickelt. &#8220;Dort wurden wir von den Amerikanern bombardiert, die nicht wussten, dass wir schon in der Stadt waren.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kriegsende<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Kriegsende erlebte Raspolychin in der Gegend um Znaim, wohin er nach seinem Fronturlaub am 8. Mai geschickt worden war: &#8220;Es hie\u00df, morgen gehen die K\u00e4mpfe wieder los. Wir rechneten mit gro\u00dfen und harten Schlachten. Doch dann best\u00e4tigte das Radio die Ger\u00fcchte, dass die Deutschen kapitulieren. Der Krieg war endlich aus.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine weiterer Zeitzeuge ist der j\u00fcdische Rotarmist Simion Fridkin, der schon im Jahr 2005 von dem \u00f6sterreichischen Journalisten Peter Pirker ausfindig gemacht werden konnte. Auch Fridkin war im April 1945 an vorderster Front k\u00e4mpfend an der Befreiung Wiens beteiligt, sp\u00e4ter wurde er in dieser Stadt sesshaft. Anfang April 1945, im Alter von 20 Jahren, habe es f\u00fcr ihn keine Rolle gespielt, ob er um ein Dorf oder um Wien k\u00e4mpfte, so der Veteran. Was an der Front z\u00e4hlte, sei einzig und allein die Frage gewesen, &#8220;ob man verwundet oder get\u00f6tet werde&#8221;. Als einfacher Soldat habe man nie gewusst, in welchem Stadtteil man gerade war.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter rekonstruierte Fridkin, dass er als F\u00fchrer eines Sp\u00e4htrupps vom Westen her nach Wien kam. Als er am 9. April Grinzing erreichte, hatte die Rote Armee schon einen Gro\u00dfteil der Verteidigungsstellungen der Wehrmacht am G\u00fcrtel \u00fcberwunden. Nur um die Hohe Warte hatte sich noch ein Bataillon der HJ verschanzt, um den Vormarsch der Sowjets aufzuhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/wissen\/geschichte\/2002610-Wir-sind-aus-dem-Keller-nicht-mehr-herausgekommen.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die &#8220;Wiener Zeitung&#8221; hat mit \u00f6sterreichischen Zeitzeugen gesprochen<\/a>, die sich damals, als minderj\u00e4hrige Volkssturmangeh\u00f6rige, in letzter Sekunde vor Beginn der K\u00e4mpfe von der Hohen Warte absetzen konnten. Sie machten sich auf den Weg nach Hause, nachdem ihre vorgesetzten Offiziere bei Nacht und Nebel einfach verschwunden waren. Sie berichten auch davon, dass die Rote Armee mit schwerer Artillerie geschossen habe. Fridkin hingegen erinnert sich, dass es in Richtung G\u00fcrtel nur K\u00e4mpfe mit dem Gewehr gegeben habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Donaukanal angekommen, entkam der Rotarmist knapp dem Tod: Am 10. April hatte sich die Wehrmacht komplett \u00fcber den Donaukanal zur\u00fcckgezogen und alle Br\u00fccken gesprengt. Fridkin und sein Trupp sollten m\u00f6gliche \u00dcberg\u00e4nge finden. Geschossen wurde nicht, die Rotarmisten wussten auch nicht, was auf der anderen Seite des Donaukanals los war. Also, so erz\u00e4hlt Fridkin, sei man per Fahrrad den Kanal entlanggefahren. Unterwegs entdeckten sie eine Luke, eine Leiter f\u00fchrte in einen Gang hinunter. Sie stiegen hinab. &#8220;In diesem Moment wurden von der anderen Kanalseite her Minen geworfen. Sie explodierten \u00fcber uns. Als wir wieder herausstiegen, waren unsere R\u00e4der zerfetzt.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Letzter Widerstand<\/h2>\n\n\n\n<p>Deutsche Einheiten hatten tats\u00e4chlich alle Br\u00fccken gesprengt und sich in den H\u00e4usern auf der gegen\u00fcberliegenden Seite verschanzt. Ein Veteran, der in dem Bildband &#8220;Die Russen in Wien&#8221; von Erich Klein (Falter Verlag) zu Wort kommt, hat damals einem Sturmtrupp angeh\u00f6rt, der sich einen Weg zum Donaukanal bahnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort sei man von M\u00e4nnern unter Beschuss genommen worden, die sich dann in Zivilkleidung davonstehlen wollten. &#8220;Unsere Panzer-Soldaten haben sie geradewegs aus dem dritten, vierten Stock eines eroberten Hauses durch das Fenster hinausgeworfen&#8221;, so der Zeitzeuge. Den Weg zu den in Zivil &#8220;Verkleideten&#8221; habe eine Frau gewiesen, die sich zun\u00e4chst noch vor den Rotarmisten gef\u00fcrchtet habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wobei nach Ansicht vieler Rotarmisten im Zweiten Weltkrieg offiziell gar keine \u00d6sterreicher gek\u00e4mpft h\u00e4tten. Diesen Eindruck hatten viele, weil sie \u00d6sterreicher und Deutsche, die ja beide in der gleichen Wehrmachtsuniform steckten, nicht voneinander unterscheiden konnten. Die mit den Nazis verb\u00fcndeten Ungarn aber sehr wohl, die eigene Uniformen trugen, in Wien allerdings nicht mehr zum Einsatz kamen. Auch sprachlich war eine Unterscheidung f\u00fcr sowjetische Soldaten fast unm\u00f6glich. Diese war aber entscheidend, da \u00d6sterreich in Moskau als Opfer Hitlers angesehen wurde und die \u00d6sterreicher gut zu behandeln waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Buchautor Klein zitiert den sowjetischen Fotografen Jewgenij Chaldej, der ab dem Jahr 1944 den Vormarsch der 3. Ukrainischen Front begleitete und die Eroberung Wiens durch die Rote Armee dokumentierte. Er beschreibt die K\u00e4mpfe in Wien als &#8220;schwer zu ertragen &#8211; der Fr\u00fchling, die Sonne und die Menschen, die ums Leben kamen. Viele sowjetische Soldaten starben noch.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Veteranin Maria Lesnikowa erinnert sich, in Wien Kriegsgefangene gesehen zu haben, die noch Kinder gewesen waren. Offenbar Mitglieder des deutschen &#8220;Volksturms&#8221;, f\u00fcr den 15-J\u00e4hrige und J\u00fcngere rekrutiert wurden. Diese Gefangenen seien halb verhungert gewesen, erinnert sich Lesnikowa, &#8220;sie lagen einfach da mit ihren riesigen schwarzen Augenh\u00f6hlen und eingefallenen Wangen, die Knochen waren deutlich zu sehen&#8221;. Wobei sich Lesnikowa selbst 1941 als 16-J\u00e4hrige freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und diesen 1945 als Leutnant in Wien beendet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer Ex-Soldat der Roten Armee wurde am 13. April 1945, dem letzten Tag der K\u00e4mpfe um Wien, mit dem Flieger \u00fcber der Donau abgeschossen und zur Notlandung gezwungen. Nun ging es darum, zu \u00fcberleben. Das Wichtigste f\u00fcr ihn und seinen Kameraden sei damals der Fallschirm aus reiner Seide gewesen: In der Ukraine, so der Veteran, habe man daf\u00fcr zu jener Zeit alles bekommen &#8211; Schnaps, Speck in rauen Mengen. Wie das in \u00d6sterreich sei, habe er nicht gewusst.<\/p>\n\n\n\n<p>Er sei dann mit Rotarmisten mitgefahren, Soldaten aus der Etappe, die alles, was nicht niet- und nagelfest war, gestohlen h\u00e4tten. &#8220;Lumpen&#8221;, so das vernichtende Urteil des Zeitzeugen. Sie w\u00e4ren dann von einer Frau, die einer slawischen Sprache teilweise m\u00e4chtig gewesen sei, in die Wohnung eingeladen und mit Tee bewirtet worden und h\u00e4tten dort auch \u00fcbernachtet, w\u00e4hrend die Frau woanders hinging. Es habe Daunenbetten gegeben, man habe aber, schmutzig wie man war, lieber auf dem Boden geschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Tat verhielten sich die fr\u00fcheren Rotarmisten in \u00d6sterreich wie perfekte&nbsp;<em>Gentlemen<\/em>&nbsp;&#8211; zumindest in ihren sp\u00e4teren Erz\u00e4hlungen. Von Vergewaltigungen und anderen Verbrechen ist in der Regel nicht die Rede. Dabei gab es in den letzten Wochen des Krieges zwischen Roter Armee und \u00d6sterreichern &#8220;die ganze Palette, die man sich nur vorstellen kann&#8221;, berichtet der \u00f6sterreichische Historiker Stefan Karner. &#8220;Von Vergewaltigungen bis zu echter Hilfeleistung, sei es mit Maschinen oder mit Pferden.&#8221;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vergewaltigungen<\/h2>\n\n\n\n<p>In drei oststeirischen Bezirken habe man die Zahl der Vergewaltigungen &#8211; 9.700 &#8211; von Amts\u00e4rzten erheben k\u00f6nnen, anderswo, auch in Wien, sei man auf Sch\u00e4tzungen angewiesen, sie gingen aber in Wien und Nieder\u00f6sterreich zusammen in die Hunderttausende. Karner verweist allerdings auch darauf, dass die deutschen Besatzer zuvor in Russland \u00e4hnliche Verbrechen an den Frauen begangen hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8220;Vieles hing von den lokalen Kommandanten ab, wobei sich nach drei, vier Wochen die Situation in Ost\u00f6sterreich besserte, weil die Sowjets Pl\u00fcnderer und Vergewaltiger auch zur Rechenschaft gezogen haben&#8221;, berichtet der Grazer Historiker. Die Vergewaltigungen haben sich \u00fcbrigens nicht nur gegen die \u00f6sterreichischen Frauen gerichtet. &#8220;Auch sowjetische Zwangsarbeiterinnen, die auf ihre Heimkehr warteten, wurden Opfer&#8221;, sagt Karner.<\/p>\n\n\n\n<p>Und es gab Ausnahmen, echte Liebschaften, aus denen Kinder entstanden, die vielfach ihre V\u00e4ter nie zu Gesicht bekamen und die von den M\u00fcttern und Gro\u00dfm\u00fcttern aufgezogen wurden. &#8220;Ein sowjetischer Soldat heiratete sofort nach Kriegsende seine Freundin offiziell auf dem Standesamt der Stadt Graz. Der erste sowjetische Stadtkommandant von Leoben, \u0160urupov, konnte ebenfalls seine \u00f6sterreichische Bekannte heiraten und sp\u00e4ter mit ihr und der gemeinsamen Tochter in der Ukraine leben&#8221;, erz\u00e4hlt Karner.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild der Roten Armee als Besatzerin wird heute in Russland durchaus differenziert gesehen. W\u00e4hrend in offiziellen Reden und Auftritten ihr Heroismus gepriesen wird, zeige die historische Forschung, so Karner, ein breites, objektives Bild. So konnte sein Boltzmann-Institut f\u00fcr Kriegsfolgenforschung gemeinsam mit den russischen Kollegen im&nbsp;<a href=\"https:\/\/bik.ac.at\/red-army-in-austria\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">zweib\u00e4ndigen Werk zur Roten Armee in \u00d6sterreich<\/a>&nbsp;eine differenzierte Sichtweise vorlegen. So wie ebenso k\u00fcrzlich eine&nbsp;<a href=\"https:\/\/bik.ac.at\/sonderband-18\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Geschichte der gemeinsamen Beziehungen zwischen \u00d6sterreich und Russland.<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das Werk ist in Russland bereits in zwei Auflagen erschienen und dient in Schulen als Lehrbehelf. Auch die schwierigsten und emotionalsten Abschnitte wurden gemeinsam verfasst, erz\u00e4hlt Karner, der gemeinsam mit Alexander Tschubarjan der \u00f6sterreichisch-russischen Historikerkommission vorsteht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Tage des Ruhms<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Sieg im Zweiten Weltkrieg ist f\u00fcr Russland heute noch zentral f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis des Landes. Nach dem schmachvollen Zerfall der einstigen Weltmacht Sowjetunion ist die Erinnerung an die Tage des Ruhms nicht nur f\u00fcr viele Veteranen eine emotionale St\u00fctze &#8211; gerade angesichts des Umstandes, dass die meisten Russen trotz des gro\u00dfen Sieges in diesem Kampf ums \u00dcberleben heute schlechter leben als die Menschen in den ehemals besiegten L\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Das ist etwas, das Sowjetsoldaten \u00fcbrigens schon 1945 aufgefallen ist: &#8220;Die Rotarmisten haben geschrieben: Wir f\u00fchlen uns nicht wie in einem besiegten Land. Viele haben ihren Augen nicht getraut, wie hoch der Stand der Zivilisation hier war&#8221;, berichtet Karner von Mitteilungen der Sowjetsoldaten. Der Lebensalltag war auf \u00f6sterreichischem Gebiet viel besser als in den Gegenden, aus denen die meisten Soldaten gekommen waren. Au\u00dferdem nahm nach der Abrechnung mit dem gro\u00dfen Sieger Stalin unter Nikita Chruschtschow und seinen Nachfolgern &#8220;das Volk&#8221; die Rolle des kollektiven Siegers ein. Ein Geschichtsmythos entstand, der &#8211; wie jeder Geschichtsmythos &#8211; Differenzierung nicht ertr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu kommen noch die Anw\u00fcrfe seitens osteurop\u00e4ischer Nachbarn wie Polen, Ukraine und der baltischen Staaten, die heute die Schandtaten der Sowjets st\u00e4rker betonen als die der Deutschen. Viele Russen sehen darin eine Wiederauferstehung des faschistischen Gegners von einst &#8211; und haben wenig Lust, an ihrem Geschichtsmythos des heroisch-unbefleckten Volkes, das ein mittlerweile undankbares Europa befreit hat, zu r\u00fctteln. Zumal ohne die Rote Armee der Nationalsozialismus ja tats\u00e4chlich nicht besiegt worden w\u00e4re &#8211; allen Anklagen zum Trotz. Und der Blutzoll der Sowjets jenen der Westalliierten weit \u00fcberstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Wiener Zeitung, 03.04.2021<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.wienerzeitung.at\/nachrichten\/reflexionen\/vermessungen\/2098865-Die-Rote-Armee-im-April-1945-in-Wien.html\">(1) Zweiter Weltkrieg &#8211; Die Rote Armee im April 1945 in Wien &#8211; Wiener Zeitung Online<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem erschien in der Wiener Zeitung ein sehr lesenswerter Artikel, zu dem auch die \u00d6sterreichisch-Wei\u00dfrussische Gesellschaft (\u00d6WG) einen Teil dazu beisteuern konnte. 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