80 Jahre Überfall auf die Sowjetunion

Gedenkveranstaltung der Österreichisch-Weißrussischen Gesellschaftaus Anlass des 80. Jahrestags des Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941

Ansprache des Präsidenten der ÖWG, Prof. Dr. Peter Bachmaier

„Der Angriff der Wehrmacht auf die Sowjetunion, in Deutschland ‚Russlandfeldzug‘ und in der Sowjetunion ‚Großer Vaterländischer Krieg‘ genannt, begann am 22. Juni 1941 um 3 Uhr früh, und die Festung Brest war eines der ersten Ziele. Dieser Krieg war ein Volkskrieg, ein Krieg des ganzen Volkes gegen die Invasoren und ist deshalb in Russland, Belarus und anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion und der ehemaligen sozialistischen Länder ein nationaler Gedenktag. Der Krieg ist bis heute in ganz Osteuropa im Bewusstsein der Menschen präsent. Die Überlebenden und deren Nachkommen sind zu Recht darauf stolz.

Belarus hat von allen Sowjetrepubliken am meisten unter dem Krieg gelitten (Anm.; ein Drittel der Gesamtbevölkerung der BSSR wurde vernichtet), und wir wenden uns gegen die fortschreitende Geschichtsfälschung im Westen. Das Europäische Parlament hat 2019 einen Beschluss gefasst, dass Hitlerdeutschland und die Sowjetunion in gleicher Weise als totalitäre Staaten aufgefasst werden sollen, gleichermaßen Schuld am 2. Weltkrieg hätten und daher die Kriegsdenkmäler, Straßennahmen und die positive Erinnerung daran beseitigt werden soll, was zunächst vor allem die Ukraine betraf.

Wir zeigen deshalb den belarussischen Film „Sturm auf die Festung Brest“ (produziert 2015), der auf historischen Tatsachen beruht, auf dem heroischen Widerstand der Besatzung, die sich drei Wochen lang gegen die Übermacht verteidigte. Dieses historische Ereignis ist auch heute eine der Grundlagen des Nationalbewusstseins des belarussischen Volkes.”

Hauptdenkmal in der Festung Brest
Zerstörtes Minsk 1941 (Foto: deutsches Bundesarchiv)
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35 Jahre nach Tschernobyl

Am 26. April 2021 jährt sich der Super-GAU von Tschernobyl zum 35. Mal.

Die Menschen in Belarus, der Ukraine und Russland leiden noch heute an den Folgen der Katastrophe. Sie, die heute noch in der Gefahrenzone zu Hause sind, haben gelernt, irgendwie mit diesen Folgen zu leben. Soweit wie möglich gab und gibt es Unterstützung durch die eigene Regierung, und auch international wird so gut wie möglich geholfen. Z.B. wurden – bis zum Ausbruch der Corona-Pandemie – Erholungsprogramme für Kinder von vielen Ländern organisiert und finanziert. So wie z.B. mein Projekt „Erholung für Kinder aus Belarus“, durch das bisher mehr als 4000 Kinder zur Erholung nach Österreich, vor allem Niederösterreich, kommen konnten. Solche Aufenthalte bedeuten nicht nur körperliche Erholung für die betroffenen Kinder, sondern auch riesengroße Hoffnung für die gesamte belarussische Großfamilie dahinter. Diese Familien in Belarus erfahren dadurch, dass sie nicht alleine gelassen werden, dass man sie nicht im Stich lässt, dass es Hoffnung auf eine bessere Zukunft gibt. Für die Kinder, die zur Erholung ins Ausland fahren können, bedeutet das einen unbeschreiblich großen Schritt in ihrer Entwicklung, für viele Kinder wird das ganze zukünftige Leben durch solche Erholungsaufenthalte geprägt. Die jetzige, junge Generation kennt die Geschehnisse von 1986 und den Jahren danach nur aus Erzählungen. Damals aber, sehr bald nach der Katastrophe haben Kinder aufgezeichnet, wie sie die Folgen der Katastrophe erlebt haben. Vor allem sind das düstere Bilder geworden, aber auch die Hoffnung auf neues, wiederkehrendes Leben ist in manchen Kinderzeichnungen zu spüren.

Die Gebiete um Tschernobyl werden mehrere hunderttausend Jahre nicht so bewohnbar sein wie vor der Katastrophe. Für alle Familien/Kinder, die dennoch in solchen Gebieten wohnen, wird ein mehrwöchiger Aufenthalt außerhalb dieser Zone immer von unbezahlbarem Vorteil für die physische und psychische Gesundheit sein.

Mein Erholungsprojekt für Kinder aus Belarus soll daher weitergeführt werden, sobald es (Covid-bedingt) möglich sein wird.

 Alle betroffenen belarussischen Kinder und deren Familie sind uns für jede Unterstützung sehr sehr dankbar.

Maria Hetzer, Organisatorin des Projekts “Erholung für Kinder aus Belarus”

info@belarus-kinder.net ; www.belarus-kinder.net; Tel.: +43 676 9604275

Maria Hetzer hat bei Ihren Reisen auch Zeichnungen belarussischer Kinder zu sehen bekommen, von denen wir hier einige zeigen möchten:

“Sperrzone”
“Vor und nach Tschernobyl”
“Nach Tschernobyl”
“Vor und nach Tschernobyl”
“Das Leben kommt, das Leben geht”
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ZWEITER WELTKRIEG: Die Rote Armee im April 1945 in Wien

Vor kurzem erschien in der Wiener Zeitung ein sehr lesenswerter Artikel, zu dem auch die Österreichisch-Weißrussische Gesellschaft (ÖWG) einen Teil dazu beisteuern konnte. Die ÖWG traf bei ihrer Delegationsreise 2019 den belarussischen Veteranen Arseni Ljocko und führte mit ihm ein Interview, das wir der Wiener Zeitung zu Verfügung stellten.

Die letzten noch lebenden Veteranen berichten von ihren Kontakten mit der österreichischen Bevölkerung.

Es gibt nur noch eine Handvoll Veteranen, die Anfang April 1945 auf Seiten der Roten Armee an der Befreiung Wiens beteiligt waren, die sich an die dramatischen Ereignisse erinnern und davon berichten können. Die Kämpfe im Stadtgebiet waren kurz, sie dauerten vom 6. bis zum 13. April. Die Rote Armee war den deutschen Einheiten, die aus Wehrmacht, Volkssturm und einigen Verbänden der SS bestanden, deutlich überlegen – und trotzdem waren die sowjetischen Verluste hoch, gingen allein im Wiener Stadtgebiet in die Tausenden. Österreichische Zeitzeugen berichten, dass die Wiener Spitäler voll mit schwer verletzten, von Granatsplittern verwundeten Rotarmisten gewesen seien.

Erinnerungen

Wie aber haben die Rotarmisten, die am Gürtel, am Donaukanal, an der Reichsbrücke, am Simmeringer Zentralfriedhof oder im Westen der Stadt als einfache Soldaten kämpften, diese so dramatischen Tage in Erinnerung? Wovon erzählen sie, wie haben sie sich selbst und ihre Gegner beurteilt? Wie realistisch oder verformt sind ihre Erinnerungen?

Wladimir Raspolychin merkt man die fast 96 Jahre, die er mittlerweile alt ist, nicht an. Der 1925 geborene Russe spricht im Videotelefonat mit der “Wiener Zeitung” klar und verständlich über die dramatischen Kriegstage, die ihn aus seinem Jugendleben gerissen haben. Im Jänner 1943 ist er zur Armee gekommen. “Ich war 17 Jahre und vier Monate alt – das müssen Sie sich einmal vorstellen”, beginnt der Fallschirmjäger eindringlich. Zwei Jahre später wurde er an die Front geschickt – nach Ungarn, ins Gebiet um den Plattensee, mit dem Auftrag, Wien zu befreien.

“Wir mussten in Wien um jedes Haus, um jede kleine Gasse kämpfen”, berichtet der Veteran. Auch in dieser Endphase des Krieges waren die deutschen Truppen noch gefürchtete Gegner.

“Es gab große Verluste auf unserer Seite. Es war nicht leicht. Aber wir haben es dennoch geschafft, auch mit eingeschränkten Kräften, die Deutschen aus Wien zu vertreiben”, sagt Raspolychin, der trotz seines hohen Alters keine Probleme hat, dem Gespräch zu folgen.

Die Stadt machte damals auf die Sowjetsoldaten einen verlassenen Eindruck, die Wiener hatten sich in den Kellern versteckt. “Man merkte, dass viele Menschen Hunger hatten. Ich selbst habe gesehen, wie auf einer Straße ein totes Pferd lag. Viele Einwohner drängten sich um den Kadaver, um das Pferd auszuweiden und Fleisch für ihre Familien zu Hause mitzunehmen”, berichtet der ehemalige Rotarmist.

Hier leisteten die Sowjets laut Raspolychin rasche Hilfe: Die Bevölkerung sei rasch mit Feldküchen “von hoher Qualität” versorgt worden. Es gab großzügige Essensspenden, etwa am 1. Mai. Dennoch war der Hunger in Wien groß.

Die Stadt hat Raspolychin, der später von 2014 bis 2017 noch einmal in Wien gelebt hat, nur positiv in Erinnerung: “Die Wiener sind zu uns Sowjetsoldaten sehr freundlich gewesen. Sie sind auf die Straße gegangen und haben uns begrüßt. Man merkte, dass sie sich freuten, dass die Sowjetarmee gekommen ist”, schildert er seine Eindrücke.

Gut erinnert sich der Veteran an eine Aufführung in der Staatsoper, die er am 5. Mai 1945 während eines kurzen Fronturlaubs erlebte: “Das legendäre Alexandrow-Ensemble der Roten Armee gastierte damals in Wien. Wir haben uns gefreut, dass wir nach so harten Schlachten diese Musik hören konnten.”

Anders als Deutsche

Auch Arseni Ljocko, ein ebenfalls 1925 geborener belarussischer Veteran der Kämpfe um Wien, singt das Hohelied auf die Stadt und ganz Österreich: “So, wie man sich uns gegenüber in Österreich verhalten hat – das habe ich sonst nirgendwo erlebt”, urteilt der Veteran, der als einziger von vier Brüdern den Krieg überlebt hat, in einem Gespräch mit der Österreichisch-Weißrussischen Gesellschaft (ÖWG) vor zwei Jahren. Er zieht – für viele Veteranen nicht untypisch – eine dicke Linie zwischen Österreichern und Deutschen: “Die Österreicher haben sich hundertprozentig von der Deutschen Wehrmacht unterschieden”, sagte Ljocko, dessen 50 Orden auf seiner Uniform keinen Platz mehr finden. Der “Anschluss” 1938 sei erzwungen gewesen, das habe er auch damals gewusst. Und dass Österreich wieder unabhängig werden wird, “habe ich nicht nur gewusst. Ich habe es gefühlt!” Auch Ljocko, der beim Entminungsdienst tätig war, berichtet von den sowjetischen Militärküchen und dem “ausgezeichneten, ja hervorragenden” Verhältnis der Österreicher zu den sowjetischen Soldaten. Die Österreicher hätten auch bei der Entminung mitgeholfen. Auch er kam im Leben später noch einmal nach Wien: 1967 als Diplomat.

In dieser Zeit war der Weißrusse auch bei Verhandlungen in Deutschland über die Errichtung deutscher Soldatenfriedhöfe in der Sowjetunion beteiligt. Bei diesem Thema wird er emotional: “Ich bin dagegen, dass für diese Leute, die unsere Kinder zu den Hunden geschmissen haben, Friedhöfe errichtet werden. Die Verbrechen dieser Faschisten werden die Leute nie verzeihen”, urteilt Ljocko scharf über die Deutschen. “Die Österreicher gefallen mir sehr. Das sind ganz andere Leute”, sieht er die heimische Bevölkerung in deutlich milderem Licht.

Veteran Ljocko berichtet über die Zeit der Befreiung Wiens 1945
Arseni Ljocko ist ein hochdekorierter Veteran

Raspolychin zieht diese Trennlinie nicht. “Ich kann nichts Schlechtes über die Deutschen sagen”, betont der Veteran. Nach der Eroberung Wiens war der ebenfalls mit Orden Behangene noch in Kämpfe um St. Pölten verwickelt. “Dort wurden wir von den Amerikanern bombardiert, die nicht wussten, dass wir schon in der Stadt waren.”

Kriegsende

Das Kriegsende erlebte Raspolychin in der Gegend um Znaim, wohin er nach seinem Fronturlaub am 8. Mai geschickt worden war: “Es hieß, morgen gehen die Kämpfe wieder los. Wir rechneten mit großen und harten Schlachten. Doch dann bestätigte das Radio die Gerüchte, dass die Deutschen kapitulieren. Der Krieg war endlich aus.”

Eine weiterer Zeitzeuge ist der jüdische Rotarmist Simion Fridkin, der schon im Jahr 2005 von dem österreichischen Journalisten Peter Pirker ausfindig gemacht werden konnte. Auch Fridkin war im April 1945 an vorderster Front kämpfend an der Befreiung Wiens beteiligt, später wurde er in dieser Stadt sesshaft. Anfang April 1945, im Alter von 20 Jahren, habe es für ihn keine Rolle gespielt, ob er um ein Dorf oder um Wien kämpfte, so der Veteran. Was an der Front zählte, sei einzig und allein die Frage gewesen, “ob man verwundet oder getötet werde”. Als einfacher Soldat habe man nie gewusst, in welchem Stadtteil man gerade war.

Später rekonstruierte Fridkin, dass er als Führer eines Spähtrupps vom Westen her nach Wien kam. Als er am 9. April Grinzing erreichte, hatte die Rote Armee schon einen Großteil der Verteidigungsstellungen der Wehrmacht am Gürtel überwunden. Nur um die Hohe Warte hatte sich noch ein Bataillon der HJ verschanzt, um den Vormarsch der Sowjets aufzuhalten.

Die “Wiener Zeitung” hat mit österreichischen Zeitzeugen gesprochen, die sich damals, als minderjährige Volkssturmangehörige, in letzter Sekunde vor Beginn der Kämpfe von der Hohen Warte absetzen konnten. Sie machten sich auf den Weg nach Hause, nachdem ihre vorgesetzten Offiziere bei Nacht und Nebel einfach verschwunden waren. Sie berichten auch davon, dass die Rote Armee mit schwerer Artillerie geschossen habe. Fridkin hingegen erinnert sich, dass es in Richtung Gürtel nur Kämpfe mit dem Gewehr gegeben habe.

Am Donaukanal angekommen, entkam der Rotarmist knapp dem Tod: Am 10. April hatte sich die Wehrmacht komplett über den Donaukanal zurückgezogen und alle Brücken gesprengt. Fridkin und sein Trupp sollten mögliche Übergänge finden. Geschossen wurde nicht, die Rotarmisten wussten auch nicht, was auf der anderen Seite des Donaukanals los war. Also, so erzählt Fridkin, sei man per Fahrrad den Kanal entlanggefahren. Unterwegs entdeckten sie eine Luke, eine Leiter führte in einen Gang hinunter. Sie stiegen hinab. “In diesem Moment wurden von der anderen Kanalseite her Minen geworfen. Sie explodierten über uns. Als wir wieder herausstiegen, waren unsere Räder zerfetzt.”

Letzter Widerstand

Deutsche Einheiten hatten tatsächlich alle Brücken gesprengt und sich in den Häusern auf der gegenüberliegenden Seite verschanzt. Ein Veteran, der in dem Bildband “Die Russen in Wien” von Erich Klein (Falter Verlag) zu Wort kommt, hat damals einem Sturmtrupp angehört, der sich einen Weg zum Donaukanal bahnte.

Dort sei man von Männern unter Beschuss genommen worden, die sich dann in Zivilkleidung davonstehlen wollten. “Unsere Panzer-Soldaten haben sie geradewegs aus dem dritten, vierten Stock eines eroberten Hauses durch das Fenster hinausgeworfen”, so der Zeitzeuge. Den Weg zu den in Zivil “Verkleideten” habe eine Frau gewiesen, die sich zunächst noch vor den Rotarmisten gefürchtet habe.

Wobei nach Ansicht vieler Rotarmisten im Zweiten Weltkrieg offiziell gar keine Österreicher gekämpft hätten. Diesen Eindruck hatten viele, weil sie Österreicher und Deutsche, die ja beide in der gleichen Wehrmachtsuniform steckten, nicht voneinander unterscheiden konnten. Die mit den Nazis verbündeten Ungarn aber sehr wohl, die eigene Uniformen trugen, in Wien allerdings nicht mehr zum Einsatz kamen. Auch sprachlich war eine Unterscheidung für sowjetische Soldaten fast unmöglich. Diese war aber entscheidend, da Österreich in Moskau als Opfer Hitlers angesehen wurde und die Österreicher gut zu behandeln waren.

Buchautor Klein zitiert den sowjetischen Fotografen Jewgenij Chaldej, der ab dem Jahr 1944 den Vormarsch der 3. Ukrainischen Front begleitete und die Eroberung Wiens durch die Rote Armee dokumentierte. Er beschreibt die Kämpfe in Wien als “schwer zu ertragen – der Frühling, die Sonne und die Menschen, die ums Leben kamen. Viele sowjetische Soldaten starben noch.”

Die Veteranin Maria Lesnikowa erinnert sich, in Wien Kriegsgefangene gesehen zu haben, die noch Kinder gewesen waren. Offenbar Mitglieder des deutschen “Volksturms”, für den 15-Jährige und Jüngere rekrutiert wurden. Diese Gefangenen seien halb verhungert gewesen, erinnert sich Lesnikowa, “sie lagen einfach da mit ihren riesigen schwarzen Augenhöhlen und eingefallenen Wangen, die Knochen waren deutlich zu sehen”. Wobei sich Lesnikowa selbst 1941 als 16-Jährige freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und diesen 1945 als Leutnant in Wien beendet hatte.

Ein weiterer Ex-Soldat der Roten Armee wurde am 13. April 1945, dem letzten Tag der Kämpfe um Wien, mit dem Flieger über der Donau abgeschossen und zur Notlandung gezwungen. Nun ging es darum, zu überleben. Das Wichtigste für ihn und seinen Kameraden sei damals der Fallschirm aus reiner Seide gewesen: In der Ukraine, so der Veteran, habe man dafür zu jener Zeit alles bekommen – Schnaps, Speck in rauen Mengen. Wie das in Österreich sei, habe er nicht gewusst.

Er sei dann mit Rotarmisten mitgefahren, Soldaten aus der Etappe, die alles, was nicht niet- und nagelfest war, gestohlen hätten. “Lumpen”, so das vernichtende Urteil des Zeitzeugen. Sie wären dann von einer Frau, die einer slawischen Sprache teilweise mächtig gewesen sei, in die Wohnung eingeladen und mit Tee bewirtet worden und hätten dort auch übernachtet, während die Frau woanders hinging. Es habe Daunenbetten gegeben, man habe aber, schmutzig wie man war, lieber auf dem Boden geschlafen.

In der Tat verhielten sich die früheren Rotarmisten in Österreich wie perfekte Gentlemen – zumindest in ihren späteren Erzählungen. Von Vergewaltigungen und anderen Verbrechen ist in der Regel nicht die Rede. Dabei gab es in den letzten Wochen des Krieges zwischen Roter Armee und Österreichern “die ganze Palette, die man sich nur vorstellen kann”, berichtet der österreichische Historiker Stefan Karner. “Von Vergewaltigungen bis zu echter Hilfeleistung, sei es mit Maschinen oder mit Pferden.”

Vergewaltigungen

In drei oststeirischen Bezirken habe man die Zahl der Vergewaltigungen – 9.700 – von Amtsärzten erheben können, anderswo, auch in Wien, sei man auf Schätzungen angewiesen, sie gingen aber in Wien und Niederösterreich zusammen in die Hunderttausende. Karner verweist allerdings auch darauf, dass die deutschen Besatzer zuvor in Russland ähnliche Verbrechen an den Frauen begangen hatten.

“Vieles hing von den lokalen Kommandanten ab, wobei sich nach drei, vier Wochen die Situation in Ostösterreich besserte, weil die Sowjets Plünderer und Vergewaltiger auch zur Rechenschaft gezogen haben”, berichtet der Grazer Historiker. Die Vergewaltigungen haben sich übrigens nicht nur gegen die österreichischen Frauen gerichtet. “Auch sowjetische Zwangsarbeiterinnen, die auf ihre Heimkehr warteten, wurden Opfer”, sagt Karner.

Und es gab Ausnahmen, echte Liebschaften, aus denen Kinder entstanden, die vielfach ihre Väter nie zu Gesicht bekamen und die von den Müttern und Großmüttern aufgezogen wurden. “Ein sowjetischer Soldat heiratete sofort nach Kriegsende seine Freundin offiziell auf dem Standesamt der Stadt Graz. Der erste sowjetische Stadtkommandant von Leoben, Šurupov, konnte ebenfalls seine österreichische Bekannte heiraten und später mit ihr und der gemeinsamen Tochter in der Ukraine leben”, erzählt Karner.

Das Bild der Roten Armee als Besatzerin wird heute in Russland durchaus differenziert gesehen. Während in offiziellen Reden und Auftritten ihr Heroismus gepriesen wird, zeige die historische Forschung, so Karner, ein breites, objektives Bild. So konnte sein Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung gemeinsam mit den russischen Kollegen im zweibändigen Werk zur Roten Armee in Österreich eine differenzierte Sichtweise vorlegen. So wie ebenso kürzlich eine Geschichte der gemeinsamen Beziehungen zwischen Österreich und Russland.

Das Werk ist in Russland bereits in zwei Auflagen erschienen und dient in Schulen als Lehrbehelf. Auch die schwierigsten und emotionalsten Abschnitte wurden gemeinsam verfasst, erzählt Karner, der gemeinsam mit Alexander Tschubarjan der österreichisch-russischen Historikerkommission vorsteht.

Tage des Ruhms

Der Sieg im Zweiten Weltkrieg ist für Russland heute noch zentral für das Selbstverständnis des Landes. Nach dem schmachvollen Zerfall der einstigen Weltmacht Sowjetunion ist die Erinnerung an die Tage des Ruhms nicht nur für viele Veteranen eine emotionale Stütze – gerade angesichts des Umstandes, dass die meisten Russen trotz des großen Sieges in diesem Kampf ums Überleben heute schlechter leben als die Menschen in den ehemals besiegten Ländern.

Das ist etwas, das Sowjetsoldaten übrigens schon 1945 aufgefallen ist: “Die Rotarmisten haben geschrieben: Wir fühlen uns nicht wie in einem besiegten Land. Viele haben ihren Augen nicht getraut, wie hoch der Stand der Zivilisation hier war”, berichtet Karner von Mitteilungen der Sowjetsoldaten. Der Lebensalltag war auf österreichischem Gebiet viel besser als in den Gegenden, aus denen die meisten Soldaten gekommen waren. Außerdem nahm nach der Abrechnung mit dem großen Sieger Stalin unter Nikita Chruschtschow und seinen Nachfolgern “das Volk” die Rolle des kollektiven Siegers ein. Ein Geschichtsmythos entstand, der – wie jeder Geschichtsmythos – Differenzierung nicht erträgt.

Dazu kommen noch die Anwürfe seitens osteuropäischer Nachbarn wie Polen, Ukraine und der baltischen Staaten, die heute die Schandtaten der Sowjets stärker betonen als die der Deutschen. Viele Russen sehen darin eine Wiederauferstehung des faschistischen Gegners von einst – und haben wenig Lust, an ihrem Geschichtsmythos des heroisch-unbefleckten Volkes, das ein mittlerweile undankbares Europa befreit hat, zu rütteln. Zumal ohne die Rote Armee der Nationalsozialismus ja tatsächlich nicht besiegt worden wäre – allen Anklagen zum Trotz. Und der Blutzoll der Sowjets jenen der Westalliierten weit überstieg.

Wiener Zeitung, 03.04.2021

(1) Zweiter Weltkrieg – Die Rote Armee im April 1945 in Wien – Wiener Zeitung Online

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Österreich unterstützt Kinder auch während der Pandemie

Finanzielle Unterstützung in der Höhe von € 5.000.– überbrachte S.E. Frau Botschafterin Mag. Aloisia Wörgetter an die Kinderabteilung der Klinik in der belarussischen Stadt Korma. Korma liegt im Oblast Gomel, die nach wie vor mit den Nachwirkungen der Tschernobyl-Katastrophe zu kämpfen hat. Aus dieser Region kommen auch immer die Kindergruppen im Rahmen der Aktion “Erholung für Kinder aus Belarus” nach Niederösterreich. Dringend nötige medizinische Geräte und Ausrüstung können zur Behandlung der Kinder, die derzeit von Covid-19 und nach wie vor auch von den Tschernobyl-Folgen betroffen sind, angekauft werden. Auf Grund der Pandemie konnte im Sommer 2020 das Kinder-Erholungsprojekt “Erholung für Kinder aus Belarus” nicht stattfinden.  Umso größer sind die Freude und die Dankbarkeit aller Kinder und deren Familien für diese Hilfe vor Ort.  Die Bereitschaft Österreichs, unsere Freunde in Belarus auch in schwierigen Zeiten wie jetzt zu unterstützen, wird von der belarussischen Bevölkerung sehr hoch geschätzt; alle Gäste werden mit großartiger Gastfreundschaft empfangen und bewirtet. Zwischen vielen (Gast)Familien in Österreich und den jeweiligen Herkunftsfamilien der belarussischen Kinder, die schon zur Erholung in Österreich waren, bestehen ständige, sehr gute Kontakte.  Alle hoffen, dass das Kinderprojekt sehr bald wieder durchgeführt werden kann, sobald sich die Situation rund um die Corona-Pandemie entspannt hat.

Maria Hetzer, Organisatorin des Projekts “Erholung für Kinder aus Belarus”

Gruppe vor dem Krankenhaus
Übergabe der Spende
Botschafterin Wörgetter besucht Familie
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Frohe Weihnachten und viel Glück für 2021

Die ÖWG hat ihrer direkten Partnerinstitution in Belarus, dem Haus der Freundschaft (Dom Druzhby), auch heuer wieder Neujahrsglückwünsche übermittelt.

Sehr geehrte Frau Nina Semjonova!

Auf Grund der Corona-Pandemie war es uns in diesem Jahr leider nicht möglich, mit einer Delegation nach Minsk zu kommen.

Wir möchten Ihnen aber mitteilen, dass wir unabhängig von den politischen Entwicklungen weiterhin mit dem Haus der Freundschaft und unseren bisherigen bewährten Partnern zusammenarbeiten wollen. Wir möchten im nächsten Jahr wieder eine Gruppenreise nach Minsk durchführen, wir unterstützen weiterhin das Projekt “Erholung für Kinder aus Belarus” in Niederösterreich, und werden auch Städtepartnerschaften und Kulturveranstaltungen fortzusetzen.

Wir versuchen unsere Mitglieder und Freunde objektiv über die Situation in Belarus zu informieren und die Arbeit für die Freundschaft zwischen unseren Völkern fortzusetzen. Wir beobachten insbesondere die laufende Verfassungsdebatte und den Dialog zur Reform des politischen Systems in Belarus mit Interesse und wünschen der belarussischen Bevölkerung dazu alles Gute. Wir hoffen, dass dadurch das Land selbstbestimmt aus der Krise herausgeführt wird und so das belarussische Sozialmodell und die Souveränität des Landes weiterentwickelt werden können.

Glück, Gesundheit und Frieden für das Jahr 2021 und ein besinnliches Weihnachtsfest!

Peter Bachmaier

Präsident der Österreichisch-Weißrussischen Gesellschaft

Wien, 18. Dezember 2020

Wir erhielten bereits eine nette Antwort des Hauses der Freundschaft:

Auf diesem Wege wünschen wir allen Mitgliedern, Unterstützern, Freunden und Kooperationspartner der Österreichisch-Weißrussischen Gesellschaft frohe Festtage sowie Glück & Gesundheit für das Jahr 2021.

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Zur aktuellen Berichterstattung

Auf Anfrage der Zeitung Der Standard, hat die Österreichisch-Weißrussische Gesellschaft gerne folgende Fragen beantwortet:

1)   Standard: Hält die ÖWG das offizielle Wahlergebnis für korrekt oder gefälscht? Ist Lukaschenko nach ÖWG-Auffassung von der Bevölkerung als Staatschef legitimiert? 

ÖWG: Nachdem die ÖWG bei dieser Wahl mit keinem Wahlbeobachter direkt vor Ort war, können wir auch kein Urteil über den Verlauf, die Abhandlung, die Auszählung und das Resultat dieser Wahlen abgeben, somit wäre es reine Spekulation, ob sie „gefälscht oder korrekt“ sind. Und Spekulationen sind in so einer weitreichenden Frage nicht seriös. Mangels objektiver und belegbarer Informationen, ist es uns daher aus der Ferne unmöglich zu den Manipulationsvorwürfen eine Aussage zu treffen. 

2)   Standard:Wie beurteilt die ÖWG das Vorgehen des Staates/ der Polizei gegen die Demonstranten?  Unterstützt die ÖWG politische Anliegen der oppositionellen Demonstranten und ggf. welche?

ÖWG: Der gesamte Wahlkampf im Vorfeld verlief in einer für Belarus bisher einmalig aufgeheizten und zugespitzten Stimmung. Diese Stimmung eskalierte dann am Abend des Wahltages und in der Folge kam es mehrere Tage zu besorgniserregenden Szenen auf den Straßen. Aus unserer Beobachtung der medialen Quellen ergibt sich für folgendes Bild: Einerseits gab es aufgehetzte, teils auch militante Gruppen unter den Demonstranten, die aktiv Ordnungskräfte attackierten, auf der anderen Seite gab es Polizeigewalt. Polizeigewalt gegen Unbeteiligte bzw. unschuldige Demonstranten, die ehrliche Kritik zum Ausdruck bringen möchten, ist jedoch abzulehnen und zu verurteilen. In Belarus, wie auch in allen anderen Ländern. Demnach ist das Anliegen nach Überprüfung der Verhaftungen durch die Behörden zu unterstützen. 

3)   Standard:Nutzt die ÖWG derzeit ihre Kontakte nach Belarus, um dort zu vermitteln? Wenn ja, wie? 

ÖWG: Wie Sie bereits unserer Homepage entnehmen konnten, haben wir unseren Aufruf zu einer Deeskalation und für Frieden und Einheit des Landes veröffentlicht und diesen auch unseren Partnern in Belarus zu Kenntnis gebracht. Wir sehen keine andere Möglichkeit, als dass ein selbstbestimmter innerbelarussischer Dialog über die Zukunft des Landes geführt wird. 

Eine Einmischung bzw. Intervention von außen ist kritisch zu sehen, weil hier internationale und geopolitische Interessen den innerbelarussischen Moment überlagern könnten. 

4)   Standard:Auf der Website war Anfang 2020 von der Idee einer parlamentarischen Freundschaftsgruppe Ö-Belarus die Rede (http://www.oewg.org/?paged=2). Gibt es diese Gruppe mittlerweile und wer ist daran beteiligt? 

Nachdem sich die Beziehungen zwischen BY und AUT in den letzten Jahren, auch mit dem bescheidenen aber sehr aktiven Beitrag der ÖWG, glücklicherweise verbessert und gegenseitige Staatsbesuche stattgefunden haben, entstand auch die Idee einer parlamentarischen Freundschaftsgruppe zwischen BY und AUT. Diese Idee unterstützten wir natürlich. Diese wurde dann realisiert als Freundschaftsgruppe für „Belarus, Moldawien und Ukraine“. Unseres Wissens nach wurde diese inzwischen, jedoch erst vor kurzem, konstituiert. NEOS-Vertreter NR Brandstätter ist dort Vorsitzender. Ob diese nun schon aktiv ist/getagt hat bzw. wer nun aller aus den einzelnen österreichischen Parteien darin vertreten ist, erfragen Sie bitte direkt beim österreichischen Parlament. Üblicherweise sind bei zwischen-parlamentarischen Freundschaftsgruppen alle Parteien vertreten. 

5)   Standard:Warum findet sich in sämtlichen Beiträgen der ÖWG der letzten Jahre kein kritisches Wort zu Lukaschenkos Wirken? 

ÖWG: Die ÖWG ist keine „missionarische“ Organisation, die die Menschen in Belarus belehrt oder sich über ihre Homepage in die dortige Innenpolitik einmischt. Unser Ziel ist es nicht, Belarus nach „österreichischen Vorstellungen“ zu formen, sondern auf Basis der jeweiligen Situation die Zusammenarbeit und den Austausch zu verbessern. So entspricht das auch dem bewährten Grundsatz der österreichischen Neutralität. Als offiziell anerkannte bilaterale Freundschaftsgesellschaft, die auch im Dachverband PAN (Partner aller Nationen) vertreten ist, arbeiten wir mit den offiziellen Partner-Stellen und gesellschaftlichen Organisationen des Partnerstaates zusammen, um das Beste für die Freundschaftsarbeit zu realisieren. Wir versuchen auf unserer Homepage die belarussischen historischen und aktuellen Realitäten möglichst tatsachengetreu darzustellen, ohne dabei eine politische oder moralische Wertung („Kritik“) vorzunehmen. Gleichzeitig ist festzuhalten, dass die ÖWG keine Nachrichtenagentur ist und nicht die Ressourcen hat, auf jede aktuelle Entwicklung aus eigener Wahrnehmung einzugehen. 

6)    Standard: Wie kommt es, dass so viele Vertreter der ÖWG in der niederöstereichischen SPÖ verankert sind?

ÖWG: Wir haben in unserer Freundschaftsgesellschaft ALLE Weltanschauungen vertreten, es gibt Leute, die Mitglied in einer österreichischen Partei sind, die große Mehrheit jedoch ist in keiner Partei Mitglied. Das Engagement unserer ehrenamtlich Tätigen in der Freundschaftsarbeit mit Belarus hat nichts mit deren Engagement oder Funktionen in österreichischen Parteien, so auch der SPÖ, zu tun. Auch das ist in den meisten bilateralen Freundschaftsgesellschaften üblich. 

7) Standard: Werden Projekte der ÖWG vom weissrussischen Staat (mit)finanziert? 

ÖWG: Die ÖWG ist ein Verein, der sich ausschließlich durch seine Mitgliedsbeiträge finanziert. Mehr noch, unsere Ehrenamtlichen opfern nicht nur ihre Freizeit für die Freundschaftsarbeit, sondern spenden auch noch für Projekte. Das betrifft auch die Reisen der ÖWG nach Belarus, die sich die Mitreisenden immer selbst bezahlen. Wir haben vom belarussischen Staat noch nie Geld bzw ein Projekt finanziert bekommen. Die ÖWG hat mit ihrer Arbeit in einer Zeit begonnen, als sich hierzulande kaum jemand für das Land interessierte. Der Schwerpunkt der ÖWG liegt, wie auch auf unserer HP und unseren Statuten beschrieben, im geistig-wissenschaftlichen, kulturellen und humanitären Bereich um eine Brücke zwischen unseren Völkern zu bauen und es Menschen aus dem jeweils anderen Land zu ermöglichen, das Partnerland kennenzulernen. Die Anbahnung wirtschaftlicher Aktivität zwischen BY und AUT ist nicht die Aufgabe der ÖWG, dazu gibt es die dafür zuständigen Institutionen in BY und AUT. Das unterscheidet uns vielleicht auch von einigen anderen bilateralen Gesellschaften. 

Und hier ist der veröffentlichte Artikel: https://apps.derstandard.at/privacywall/story/2000119442430/freundschaftsgruesse-an-lukaschenko-aus-oesterreich

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Stellungnahme zur Krise in der Republik Belarus

Die Österreichisch-Weißrussische Gesellschaft, die seit ihrer Gründung im Jahr 2006 viel im Bereich der „Volksdiplomatie“ zur Vertiefung der bilateralen, kulturell-geistigen und menschlichen Beziehungen zwischen dem österreichischen und belarussischen Volk beigetragen hat, sieht die aktuelle Situation und Entwicklung in und rund um Belarus mit tiefer Besorgnis. 

Der aktuelle Konflikt ist jedoch zu vielschichtig und komplex, um ihn nur einseitig „schwarz-weiß“ betrachten oder beantworten zu können. In diesem Sinne treten wir auch für eine möglichst objektive Darstellung in der medialen Debatte ein, die auch die geschichtlichen, wirtschaftlichen und geopolitischen Hintergründe berücksichtigt.

Wir lehnen eine Einmischung ausländischer Kräfte in diesen Konflikt ab, da diese noch zusätzlich „Öl ins Feuer“ gießen würde und einen notwendigen innerbelarussischen Dialog erschwert. Welches destruktive Resultat die Einmischung äußerer Kräfte beispielsweise in der Ukraine gebracht hat, ist leider offensichtlich.

Für Frieden und Einheit

Das Wichtigste ist jetzt, den Frieden und die Einheit des Landes zu gewährleisten und ein tragfähiges Fundament zu schaffen, auf dem die politischen Akteure in Belarus SELBSTBESTIMMT über die weitere Entwicklung ihres Heimatlandes – unter Berücksichtigung sozial-, wirtschafts- und geopolitischer Faktoren und auf Basis der sozialstaatlichen Errungenschaften – einen Dialog führen können. 

Die ÖWG ist eine ÜBERPARTEILICHE und NICHT-GEWINNORIENTIERTE Freundschaftsgesellschaft, in der verschiedene Weltanschauungen und Meinungen vertreten sind. Es sind Österreicherinnen und Österreicher sowie Belarussinnen und Belarussen, die Folgendes eint und die in folgenden Bereichen konkrete Projekte vorantreiben: 

– kulturelle, wissenschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen zwischen Österreich und Belarus

– Austausch auf humanitärem Gebiet

– ein vorurteilsfreier und friedlicher Dialog zwischen den Nationen, Kulturen und Konfessionen unserer beiden Länder

Diese wertvolle Arbeit werden wir unabhängig von der weiteren politischen Entwicklung im Geiste der Völkerfreundschaft fortführen. 

Für Frieden und Freundschaft!

За мир и дружбу!

Wien, 15. August 2020

Österreichisch-Weißrussische Gesellschaft

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Tag der Unabhängigkeit

Am 03.Juli feiert die Republik Belarus ihren Nationalfeiertag, den Tag der Unabhängigkeit. An diesem Tag im Jahr 1944 wurde Minsk nach Jahren der deutschen Okkupation von der Roten Armee und Partisanenverbänden befreit. Das Land war verwüstet und mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung kam ums Leben.

Der Befreiungskampf, der Wiederaufbau des Landes und das Streben nach Selbstbestimmung und Gerechtigkeit sind auch heute noch tragende Pfeiler der Staatsideologie eines souveränen sozialen Volksstaates und ganz fest im Bewusstsein des belarussischen Volkes verankert.

Im Namen der Österreichisch-Weißrussischen Gesellschaft (ÖWG) wünsche ich unseren belarussischen Freunden alles Gute zum heutigen Feiertag, Glück und Frieden in der Zukunft! Für die Freundschaft unserer Völker! S Prazdnikom! С праздником!

Prof. Peter Bachmaier, Präsident der ÖWG

Foto aus BelTA online
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Die Coronakrise und ihre Folgen

Diskussion der ÖWG am 3. Juni 2020

Post-Corona: Mit staatlich organisierter Kapitalherrschaft in ein neues, kybernetisches Zeitalter

Die ÖWG hat am 3. Juni 2020 eine Diskussion über die Coronakrise abgehalten, die allerdings in einem kleineren Kreis und nicht in einem öffentlichen Lokal stattfand. Unter der Diskussionsleitung von ÖWG-Vizepräsident David Stockinger hielt zunächst der Historiker Hannes Hofbauer, Leiter des Promediaverlags, einen Vortrag über „Post-Corona: Mit staatlich organisierter Kapitalherrschaft in ein neues, kybernetisches Zeitalter“.

Nach einleitenden Worten, in denen er darauf hinwies, dass die Gefährlichkeit des Virus von den Maßnahmen dagegen übertroffen zu werden droht, sprach er über die zu erwartenden Folgen des Lockdown, die in vieler Hinsicht gewaltig und zerstörerisch sein werden. Die gesundheitlichen Folgen im Zuge des Aufschiebens von notwendigen medizinischen Eingriffen streifte Hofbauer ebenso wie soziale, psychische, bildungsmäßige und kulturelle Schäden, um sich dann den wirtschaftlichen und politischen Aussichten zu widmen.

Zwei zu erwartende Phänomene standen im Mittelpunkt der Ausführungen: Konzentrationsprozesse in vielen Branchen der Wirtschaft und die Festigung bzw. Herausbildung neuer Leitsektoren. Beides findet vor einer gestärkten Rolle des Staates und einer geopolitischen Machtverschiebung statt.

Die Schließung des gesellschaftlichen Lebens inklusive Ausgangssperren bewirkt in ökonomischer Hinsicht, dass die Kapitalstärkeren überleben. Nach dem Muster des Lebensmittelhandels wird das in vielen anderen Branchen ein Zurückdrängen von Eigentümer-geführten Klein- und Mittelbetrieben und deren Ersetzung durch Ketten oder gar Monopolisten bewirken. Das krasse Beispiel des Handels zeigt die Richtung, in die es geht. Während der stationäre, oft örtlich strukturierte Handel in vielen Ländern der EU auf staatliche Anweisung hin zwei Monate geschlossen bleiben musste, übernahm der weltgrößte Onlinehändler das Terrain. Amazon stellte in den Lockdown-Monaten März und April 2020 175.000 neue Beschäftigte ein, das Vermögen von Amazon-Boss Jeff Bezos nahm im selben Zeitraum um 10 Mrd. US-Dollar zu.

Gewichtiger als der Konzentrationsprozess könnte eine Wende vom industriellen zum kybernetischen Zeitalter sein. Diese zeichnet sich schon seit längerem ab, erhält nun aber durch die staatlichen Interventionen eine völlig neue Dimension. Neue Leitsektoren eines biotechnisch-pharmazeutisch-kognitiven Komplexes helfen der kapitalistischen Verwertungskrise, die spätestens mit der Weltwirtschaftskrise 2007/08 virulent wurde, aus der Patsche.

Nanotechnik, Robotik und Künstliche Intelligenz sind technische Zutaten einer kybernetischen Wende, deren Spezifikum eine Nachfrage nach Optimierung und Personalisierung von Produktionsprozessen ist. Diese wiederum stellen ein Einfallstor für Kontroll- und Überwachungstechniken dar. Die Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 – wie Testen, Tracken und Selbstoptimieren – sind ein gesundheitlich argumentierter Einstieg, der auf alle Lebensbereiche ausgedehnt werden kann. Damit droht auch der Mensch in seiner Körperlichkeit zum Objekt von Kommodifizierung zu werden. Es hat sich – scheinbar – herausgestellt, dass der Mensch als Produzent einen Unsicherheitsfaktor darstellt, anfällig für Viren und Krankheiten. Sein schlechtes Immunsystem (verstärkt durch neue Kulturtechniken wie Maske-tragen, keine Hand geben, Abstand halten) kann, den Apologeten der biotechnisch-pharmazeutischen Wende zufolge, mit Medikamenten, Impfungen und dergleichen kompensiert werden. Während der Mensch also im Produktionsprozess durch Roboter und künstliche Intelligenz ersetzt wird, kann an seiner Körperlichkeit verdient werden.

Abschließend wurde noch besprochen, dass dies alles vor dem Hintergrund eines geopolitischen Hegemoniewechsels weg vom transatlantischen hin zum ostasiatischen Raum stattfindet.

Keine Panik in Belarus

Im Anschluss daran sprach der Osteuropahistoriker Peter Bachmaier, Präsident der ÖWG, über „Keine Panik in Belarus“. Er hob den eigenständigen Weg von Belarus in der Coronakrise hervor. Präsident Alexander Lukaschenko hat die Coronaepidemie als „Psychose“ bezeichnet und sich geweigert, eine Quarantäne über das ganze Land zu verhängen. Belarus ist das einzige Land, das nicht stillgelegt wurde. Die Betriebe und Geschäfte, die Gastwirtschaften, Schulen, Universitäten und Kirchen sind nicht geschlossen, sondern geöffnet und arbeiten weiter. Eine Stillegung der ganzen Wirtschaft würde das Land nicht überleben, sagte Lukaschenko.

Das heißt aber nicht, dass die Epidemie in Belarus nicht existiert, und dass nichts dagegen getan wird. Die Epidemie ist im März auch nach Belarus gekommen, und das Land war auch darauf vorbereitet. Es gab einen umfassenden Plan zur Bekämpfung der Epidemie.

In Belarus wurde das sowjetische Gesundheitssystem nicht zerstört, wie in anderen ex-sowjetischen Ländern. Es gab aus der sowjetischen Zeit noch Krankenhäuser für Infektionskrankheiten, Vorsorgemaßnahmen für eine Epidemie mit medizinischer Ausrüstung, Instituten für Virologie und Epidemiologie, und geschultes Personal. Das belarussische Gesundheitswesen war in der Lage, alles zu bewältigen.

Nach Angaben der UNO war Belarus für die Krise gut vorbereitet, weil es über 41 Ärzte, 114 Krankenschwestern und 110 Krankenhausbetten pro 10.000 Einwohner verfügt. In den fortgeschrittenen europäischen Ländern ist der Durchschnitt dagegen: 30 Ärzte, 81 Krankenschwestern und 55 Krankenhausbetten.

Präsident Lukaschenko hat die Weltgesundheitsorganisation WHO zu einem Besuch in Belarus eingeladen. Die Delegation kam im April und erklärte, dass alles in Ordnung ist und gab einige Empfehlungen, die weitgehend befolgt wurden. Jeder kann selbst entscheiden, wie er sich und seine Familie schützt, ob er die Kinder in die Schule schickt oder nicht. Es gibt keine Panik, die Epidemie ist unter Kontrolle.

Es gibt in Belarus eine Freiwilligenbewegung unter den Menschen, die eine Tradition hat. Eine Bürgerinitiative sammelte 2 Mio. Euro für Ärzte und Krankenschwestern. In den Häusern gibt es Kundmachungen mit Telefonnummern, an die man sich wenden kann, wenn man etwas aus der Apotheke braucht. Taxifahrer befördern Patienten und Ärzte gratis, Restaurants liefern Essen gratis an Patienten und Spitäler. Die Stadt Minsk stellte den Ärzten und dem medizinischen Personal zwei Hotels zur Verfügung.

Auf Grund des wirtschaftlichen Abschwungs in den wichtigen Partnerstaaten hat Belarus einen relativ spürbaren Konjunkturrückgang erleben müssen. Aber wenn sich die Staaten wieder öffnen, wird Belarus in der Lage sein, seine Wirtschaft schnell wiederherzustellen, wie sich Präsident Lukaschenko am 25. Mai äußerte.

Nach dem Stand vom 1. Juni 2020 sind in Belarus 43.000 Menschen mit positivem Corona-Test registriert worden, was 8,7% der Anzahl der durchgeführten Tests beträgt. Nach den Angaben des Gesundheitsministeriums wurden 18.000 mit Corona-Virus Infizierte geheilt und entlassen. Bisher sind nur 215 Menschen an Corona-Virus (Covid 19) gestorben.[1]

Die Militärparade zum 9. Mai 2020

Der Präsident hat dem internationalen Druck nicht nachgegeben und auch als einziger Staat in Europa am 9. Mai 2020 eine Militärparade aus Anlaß des Tages des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg in Minsk abgehalten. Das war von großer Bedeutung, weil die Geschichte als Waffe benutzt wird, um Konflikte in der Gegenwart auszutragen.

Der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko erklärte dazu in seiner Rede auf der Militärparade: „Wir konnten einfach nicht anders, wir hatten keine andere Wahl…Die Lehre der Geschichte ist einfach und gerecht – jedes Volk, das sein Heimatland, seinen Boden und die Zukunft seiner Kinder verteidigt, ist unbesiegbar.” Die Militärparade brachte eindrucksvoll die Unabhängigkeit des belarussischen Staates zum Ausdruck. Die ÖWG hielt am 9. Mai ebenfalls eine Gedenkveranstaltung in Wien beim Denkmal der Roten Armee ab.


Hannes Hofbauer und Peter Bachmaier bei der Diskussion der ÖWG über „Die Coronakrise und ihre Folgen“, 3.6.2020
ÖWG-Diskussion über die Coronakrise und ihre Folgen mit David Stockinger, Peter Bachmaier und Hannes Hofbauer in der Wohnung von Anna Krasnaya, 3.6.2020
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Jubiläumsfeier zum 75. Jahrestag des Sieges am 9. Mai 2020 in Wien

Die Österreichisch-Weißrussische Gesellschaft beteiligte sich am 9. Mai 2020 an der traditionellen Kranzniederlegung am Denkmal der Roten Armee am Schwarzenbergplatz, die jedoch auf Grund der Einschränkungen durch die Coronaepidemie nicht im selben Umfang wie sonst durchgeführt werden konnte. Die Botschafter der GUS-Länder besuchten das Denkmal bereits am 8. Mai und der Marsch des Unsterblichen Regiments mußte abgesagt werden. Trotzdem kamen hunderte Menschen mit Blumen, mit Porträts ihrer Vorfahren und in Uniform. Die Vereinigung der russischen Landsleute „Rodina“ (Heimat) in Wien organisierte ein Konzert mit patriotischen und Soldatenliedern aus der Zeit des Großen Vaterländischen Krieges, die von vielen Teilnehmern mitgesungen wurden. Es nahmen auch andere Organisationen aus ost- und südosteuropäischen Ländern teil wie die Bulgarische Kulturvereinigung „Kyrill und Method“, die Serbische Kulturvereinigung und die „Nachwölfe“ aus der Republika Srpska, die aus diesem Anlaß mit Motorrädern aus Banja Luka nach Wien gekommen waren.

Die ÖWG hielt am Schluß der Veranstaltung eine eigene Kundgebung mit einer österreichischen und einer belarussischen Fahne ab. Der Präsident der ÖWG, Peter Bachmaier, wies darauf hin, daß der Sinn des Sieges vom 9. Mai 1945 in der Inschrift am Denkmal festgehalten sei: „für die Befreiung des Vaterlands und der Völker Europas“. Die Republik Belarus führe deshalb als einziges Land in Europa eine Militärparade durch, mit der sie an dieses Ziel auch in Zeiten der globalen Krise erinnern möchte. Vizepräsident David Stockinger erklärte anlässlich dieses wichtigen Gedenktages: “Dem zunehmenden Geschichtsrevisionismus einiger westlicher Politiker in jüngster Zeit darf kein Platz gegeben werden. Diese politisch motivierte Gleichsetzung von Aggressoren und Opfern, von Hitler-Deutschland und der Sowjetunion, von Faschismus und Sozialismus ist unerträglich. Jeder Österreicher kann der Roten Armee ob der Befreiung vom Faschismus nur danken. Danke für die Freiheit, Unabhängigkeit und Neutralität unseres Landes!”

Die Violinistin Anna Krasnaja aus Minsk, ÖWG-Mitglied, spielte vor dem Denkmal die belarussische Nationalhymne und die bekannten Soldatenlieder „Der heilige Krieg“ und „Katjuscha“. Nach der Kundgebung trafen sich die Mitglieder der ÖWG und ihre Freunde noch zu einem Picknick im Park.

Foto: Die Delegation der ÖWG vor dem Denkmal der Roten Armee (Foto: Victoria Benhak)
Die Gruppe der ÖWG mit der österreichischen und der belarussischen Fahne vor dem Denkmal
Die Violinistin Anna Krasnaja auf der Kundgebung
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